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Viele Menschen wählen ihren Beruf mit einer klaren Vorstellung davon, wie der Alltag aussehen wird. Die Realität überrascht dann oft – im Guten wie im Herausfordernden. Als ich mich mit meiner psychotherapeutischen Praxis selbstständig machte, hätte ich jedenfalls nicht erwartet, dass über die Hälfte meiner Klienten Männer sein würden. Statistisch gesehen nehmen Frauen fast doppelt so häufig Psychotherapie in Anspruch wie Männer. In einer „typischen“ Praxis wären also etwa ein Drittel männlich. Bei mir sind es aktuell 50–60 %.

Warum ist das so?

Sicherlich liegt es daran, dass sich gesellschaftlich etwas bewegt: Männer holen nach, was über Jahrzehnte von Stigmatisierung, Scham und Spott verhindert wurde. Aber vielleicht liegt es auch an etwas Persönlichem. Ein Supervisor sagte neulich zu mir:
„… und aus genau diesem Grund hat die Dorthe so viele Männer in der Praxis. Sie ist jemand, von dem Männer sich gerne mal etwas sagen lassen.“
Was genau er meinte, sei dahingestellt – aber offensichtlich hatte er nicht ganz Unrecht.

Ich empfinde das Vertrauen, das mir Männer entgegenbringen, als großes Privileg.

Warum Männer Psychotherapie suchen – und warum bei einer Therapeutin

Sich einer Frau anzuvertrauen bedeutet für viele Männer einen zusätzlichen mutigen Schritt. Denn Männer machen Erfahrungen, die ich als Frau nie am eigenen Körper erleben werde: Druck, Versagen, Schwäche nicht zeigen zu dürfen. Verantwortung, die manchmal auf dem Brustbein lastet wie ein Backstein. Die Vorstellung, „ruhig sein zu müssen“, obwohl innerlich alles tobt.

Und gleichzeitig zeigen mir meine männlichen Klienten eines immer wieder sehr deutlich:
Männer denken viel und fühlen tief, egal, was das Stereotyp von Männern behauptet.
Aber das zeigen sie oft erst dann, wenn sie einen Raum haben, in dem sie nicht bewertet werden.

Typische Themen, die Männer in meiner Praxis bearbeiten

Die Anliegen sind so vielfältig wie die Biografien dahinter. Hier ein vertiefender Einblick in die Themenbereiche, die Männer am häufigsten mitbringen – jeweils mit beispielhaften, aber anonymisierten Anliegen.

1. Beziehungen, Loyalität & die Angst, jemandem nicht zu genügen

Viele Männer kommen, weil sie in Beziehungssituationen an Grenzen stoßen, die sie vorher nicht kannten.

Ein Mann Anfang fünfzig beschrieb es so:
„Ich hätte nie gedacht, dass ich mal in eine emotionale Affäre mit einer Jüngeren rutsche. Ich habe sie nicht körperlich berührt – aber ich spüre, wie ich innerlich von meiner Partnerin weggehe. Wie konnte ich mich so in mir täuschen?“

Ein anderer, Vater in einer Patchwork-Familie, rang mit der Verzweiflung, dass die Kinder seiner Partnerin ihn nicht als Bonuspapa annehmen wollten:
„Ich bin der, der alles versucht, und trotzdem bleibe ich der ungeliebte Stiefvater. Wo lasse ich meine Trauer darüber?“

Auch Sexualität ist ein Thema, über das Männer erstaunlich offen sprechen, wenn der Raum stimmt:
„Wenn meine Frau mich will, fühle ich mich stark und sicher. Sobald sie sich etwas mehr auf die Kinder oder die Arbeit konzentriert, falle ich in ein Loch. Ich will das nicht so abhängig von ihr sein in meiner Stabilität.“

Diese Männer kommen nicht, weil sie „nicht reflektieren können“. Sie kommen, weil sie gemerkt haben, dass blinder Aktionismus sie nicht weiterbringt, das ihre Lösungsorientiertheit an manchen Aufgaben versagt.

2. Beruf, Identität & der Moment, in dem der Körper laut wird

Der zweite große Themenblock: Leistung, Überlastung, Überidentifikation.

Ein Mann, der 30 Jahre glücklich im selben Unternehmen war, fand sich urplötzlich weinend in seinem Büro wieder. Der Hausarzt nannte es Burnout. Seine Frage war eine, die viele Männer quält:
„Hat mich meine Wahrnehmung so getäuscht? Oder war ich nur zu lange tapfer?“

Ein anderer war jahrelang Ingenieur und Leistungssportler. Dann zwang ein Fatigue-Syndrom ihn in die Knie:
„Mein Geist ist wach, aber mein Körper macht nicht mehr mit und mein logisches Denken liegt manchmal wie im Nebel. Ich weiß nicht, wie ich das aushalten soll.“

Es gibt Männer, deren Jobs von Natur aus mit Feindbildern arbeiten – Polizisten, Anwälte, Führungskräfte. Da kommen Fragen wie:
„Wenn mein Beruf bedeutet, dass täglich Menschen mich hassen – hält ein Mensch das überhaupt aus? Oder ist die Depression ein sinnvolles Warnsignal?“

Und es gibt diejenigen, die nach einem viel zu lange durchgezogenen Studium plötzlich dastehen und sagen:
„Ich wollte nicht der Abbrecher sein. Aber alles, was ich jetzt damit machen kann, fühlt sich an wie meine persönliche Hölle.“

3. Tiefe Erschütterungen, Verlust & die Angst, daran zu zerbrechen

Hier geht es um Themen, die das Selbstverständnis erschüttern:

Ein Mann, der einen gewaltsamen Todesfall in der Familie erleben musste, sagte:
„Ich kriege die Bilder nicht mehr aus dem Kopf. Ich schlafe schlecht, ich träume viel. Ich kann nicht mehr in den Keller gehen, ohne dass ich zusammenzucke.“

Ein anderer kam nach einer Herz-OP, weil er plötzlich in vermeintlich harmlosen Situationen Panikattacken bekam:
„Ich weiß nicht mehr, wann mein Körper mein Verbündeter ist und wann mein Feind.“

Und dann gibt es die existenziellen Beziehungsthemen:
Ein Mann Anfang siebzig, der sich plötzlich zwischen zwei Frauen wiederfand, rang mit der Frage:
„War ich all die Jahre jemand, der treu ist? Oder nur jemand, der nie in Versuchung kam?“

Solche Themen betreffen nicht nur das Hier und Jetzt – sie berühren Identität, Selbstbild und Würde.

4. Herkunftsfamilie, Narzissmus & das Erwachen aus alten Loyalitäten

Viele Männer kommen, weil sie zum ersten Mal verstehen, dass ihre Kindheit kein „Normalfall“ war. Dass die Dynamik mit den Eltern nicht nur schwierig, sondern prägend war.

Ein Mann beschrieb es so:
„Seit ich verstanden habe, dass mein Vater ein Narzisst ist und meine Mutter mich nie vor ihm geschützt hat, fühlt es sich an, als hätte ich beide verloren. Aber sie leben noch. Wie gehe ich damit jetzt um?“

Ein anderer litt darunter, dass er sich jahrelang für alle aufopferte – und trotzdem wenig zurückbekam:
„Ich mache, tue, schenke, kümmere mich. Und am Ende werde ich behandelt, als wäre das selbstverständlich.“

Ein dritter erzählte, dass er bis heute bei lauten Geräuschen zusammenzuckt, weil sein Vater oft gewalttätig war:
„Ich weiß gar nicht, wie sich ein guter Mann anfühlt, der nicht Angst macht. Wie entwickle ich ein eigenes Bild von Stärke?“

Viele entwickeln daraus den Wunsch, als Vater selbst andere Maßstäbe zu setzen:
„Wie kann ich meinem Sohn eine bessere Beziehung vorleben, als ich sie selbst erfahren habe?“

Wie Männer Therapie erleben – und was ihnen hilft

Männer kommen oft mit dem Anspruch, „funktionieren“ zu müssen. Viele haben gelernt, Belastung einfach zu ertragen, bis der Körper oder die Psyche laut werden.

Und dennoch zeigen Männer in der Therapie häufig eine bemerkenswerte Bereitschaft, sich selbst ehrlich zu begegnen – manchmal radikaler, als viele erwarten würden.

Ich erlebe drei typische Therapieformen:

Kurzzeit-Begleitung:
Vor allem bei Panikattacken oder akuten Krisen – oft sehr gut und nachhaltig behandelbar.

Mittelfristige Entwicklung:
Bei komplexen Familienkonstellationen oder alten Mustern, die Zeit brauchen, um verstanden und verändert zu werden.

Die „Herbst-Winter-Klienten“:
Männer, die einmal im Jahr in der dunklen Jahreszeit hereinschneien – um zu reflektieren, Bilanz zu ziehen, Weichen zu stellen, bei Tee und Kerzen.

Warum psychotherapeutische Begleitung Männern heute besonders hilft

Unser Bild von Männlichkeit befindet sich im Umbruch. Männer sollen stark sein, aber nicht hart; sensibel, aber nicht überfordert; erfolgreich, aber bitte nicht arbeitswütig; präsent in der Familie, aber auch leistungsfähig im Job.

Kein Mensch hält diese Widersprüche ohne innere Arbeit aus.

Therapie bietet Männern einen Raum, in dem sie sein dürfen, was sie im Alltag selten zeigen:
ehrlich, verletzlich, zweifelnd, suchend, mutig.

Es ist ein Weg, den ich selbst seit Jahren gehe, begleitet von erfahrenen Therapeut:innen beider Geschlechter.

Wenn Sie Unterstützung suchen

Wenn Sie sich in einem dieser Themen wiedererkennen oder an einem Punkt stehen, an dem Sie Klarheit brauchen, können Sie sich gerne an mich wenden.

In meiner Praxis in Hannover unterstütze ich Männer dabei,
– emotionale Stabilität aufzubauen,
– alte Muster zu verstehen,
– neue Beziehungen zu gestalten
– und ein Leben zu finden, das sich stimmig anfühlt.

Auch reine Online-Begleitung ist möglich. Hier können Sie Kontakt aufnehmen:

/Terminbuchung oder per Mail an info@psychotherapie-hodemacher-hannover.de